Mehrweg in der Kosmetikindustrie: Was hält uns wirklich zurück?
Ein Rückblick auf die Podiumsdiskussion in der GREEN AREA der CosmeticBusiness 2026 in München: Warum Mehrweg in der Kosmetikbranche weniger an technischen Hürden scheitert als an eingefahrenen Vorstellungen und weshalb darin eine große Chance für Marken liegt.
Im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion, moderiert von Kosmetikexpertin Judith Fiedler, standen drei Stimmen aus der Praxis: Steffanie Rainer, Gründerin und CEO von reo, Lars O. Zirpins, Managing Director und CMO von LOGOCOS Naturkosmetik GmbH & Co. KG mit Erfahrung aus DAX-Unternehmen und Mittelstand wie Beiersdorf und Weleda, sowie Felix Gass von PSL, Experte für Verpackungsentwicklung.
Verpackungsabfall und regulatorischer Druck
Der Kosmetikmarkt wächst und mit ihm der Verpackungsabfall. Allein in Deutschland fallen täglich schätzungsweise 54 Tonnen Plastikmüll aus Kosmetikverpackungen an. Ein Großteil davon besteht aus Einwegverpackungen aus fossilem Kunststoff, die nach kurzer Nutzungsdauer in Entsorgungs- und Recyclingströme gelangen, häufig jedoch ohne hochwertige Kreislaufführung. Gleichzeitig verschärft sich die regulatorische Lage. Die EU-Verpackungsverordnung PPWR setzt Marken zunehmend unter Zugzwang.
Wie groß der Handlungsbedarf ist, zeigte auch ein Blick ins Publikum: Als gefragt wurde, wer bereits aktiv Mehrweg in der Kosmetik praktiziert, blieben die Hände unten.
Mehrweg scheitert selten an der Technik
Alle drei Diskutierenden waren sich in einem Punkt einig: Technische Hürden sind selten der eigentliche Bremsblock. Häufig sind es vielmehr eingefahrene Vorstellungen, die Mehrweg verhindern.
Felix Gass brachte dies auf den Punkt, indem er zentrale Einwände des Marktes benannte und widerlegte: Mehrweg müsse nicht zwangsläufig auf Einheitsstandards beruhen, denn markenindividuelle Formen seien realisierbar. Auch die Annahme, Einwegverpackungen ließen sich grundsätzlich nicht reinigen, greife zu kurz. Viele bestehende Verpackungen könnten gereinigt und für Reuse-Anwendungen genutzt werden.
Reuse scheitert damit selten an der Technik, sondern vielmehr an dem, was sich Marktteilnehmende darunter vorstellen.
Alltagstaugliche Infrastruktur statt Idealbild
Steffanie Rainer, die mit reo eine digitale Mehrweginfrastruktur für Kosmetik- und Pflegemarken aufbaut, betonte, dass Mehrweg in der Kosmetik keine idealisierten Blaupausen brauche. Entscheidend seien Lösungen, die an die heutige Realität anknüpfen – an bestehende Verpackungsformen, bestehende Handelsstrukturen und bestehende Konsumgewohnheiten.
Ein zentrales Stichwort der Diskussion war dabei nicht allein Nachhaltigkeit, sondern Resilienz: Die Fähigkeit von Marken, unabhängiger von globalen Rohstofflieferketten zu werden und zugleich regulatorischen Anforderungen voraus zu sein.
Die Kosmetikbranche als Impulsgeberin
Lars O. Zirpins formulierte einen klaren Appell an die Branche: Die Kosmetikindustrie habe das Potenzial, Vorreiterin zu sein – nicht wegen ihrer Marktgröße, sondern weil Kosmetikprodukte emotional aufgeladen und im Alltag präsent sind. Wenn Mehrweg dort zur Normalität werde, könne es auch in anderen Bereichen zur Normalität werden.
Seine konkrete Empfehlung: im nächsten internen Meeting einfach die Frage stellen: „Warum ist das kein Mehrwegbehälter?“ und die Antwort kritisch hinterfragen.
LOGOCOS, Dachmarke von Logona und Sante, gehört zu den Marken, die diesen Weg bereits aktiv gehen und Projekte wie reo als praxistauglichen Beweis sehen, dass Mehrweg funktionieren kann, wenn es alltagstauglich gestaltet wird.
Fazit: Mehrweg als Chance für Marken
Die Diskussion auf der CosmeticBusiness 2026 zeigte deutlich, dass die Lösungen existieren. Die Infrastruktur entsteht. Was fehlt, ist vor allem der Mut, alte Bilder loszulassen davon, wie Mehrweg auszusehen hat, wie Verpackung beschaffen sein muss und wer dafür verantwortlich ist.
Für Marken, die jetzt handeln, ist Mehrweg keine Last, sondern ein Wettbewerbsvorteil.
Das Panel „Mehrweg in der Kosmetikindustrie" fand im Rahmen der CosmeticBusiness 2026 in München statt. Teilnehmende: Steffanie Rainer (reo GmbH), Lars O. Zirpins (CMO LOGOCOS Naturkosmetik GmbH & Co. KG), Felix Gass (PSL). Moderation: Judith Fiedler.